Artikel in der Main-Spitze: Bauschheimer Diskussionsabend zum Stromtrassen-Ausbau

18.03.2015

Von Sérgio Presta

RÜSSELSHEIM – Während Deutschlands Bürger gemeinhin stolz sind auf die vielen Autobahnkilometer hierzulande, hält sich die Freude über die geplante Errichtung der großen „Stromautobahnen“ merklich in Grenzen. Nicht nur in Bayern regt sich Widerstand gegen Windparks und Hochspannungsleistungen vor der eigenen Haustür.

Grund genug für den Rüsselsheimer „Energiewende“-Verein, Stadt, Experten und Bürgerschaft beim selbst organisierten Diskussionsabend am Montag im Bauschheimer Bürgerhaus miteinander ins Gespräch zu bringen, denn auch zwischen dem Neubaugebiet Eselswiese und der Böllenseesiedlung könnte in einigen Jahren eine neue Höchstspannungsleitung verlaufen. Knapp 40 Besucher nahmen die Gelegenheit wahr, sich von Matthias Schweitzer und Reinhard Ebert über den eventuellen Netzausbau in unmittelbarer Umgebung informieren zu lassen und zeigten auch an den Fachvorträgen zur generellen Umsetzung der Energiewende von Jochen Kreusel und Martin Krauß großes Interesse.

http://www.main-spitze.de/lokales/ruesselsheim/bauschheimer-diskussionsabend-zum-stromtrassen-ausbau_15111799.htm

Karten und Fakten

Schweitzer, Technischer Leiter der Stadtwerke, eröffnete die Veranstaltung mit Karten und Fakten, die Aufschluss über den derzeitigen Planungsstand der Stromtrasse zwischen Osterath und Philippsburg gaben. Stadtwerke und Stadt waren bei einer Antragskonferenz der Bundesnetzagentur von der RWE-Tochter Amprion, einem der beiden Bauherren des „Ultranet“ genannten Großprojekts, über den möglichen Trassenweg informiert worden. Zwar gibt es demnach auch Pläne, die Route südlich des Kreises Groß-Gerau nach Rheinland-Pfalz abzweigen zu lassen, doch aufgrund der besseren Topografie und Infrastruktur favorisiere der Bauherr klar „die hessische Seite“, so Ebert, Bereichsleiter für Natur- und Umweltschutz der Stadt. Für Rüsselsheim würde das bedeuten, dass die vorhandene Trasse um Leitungen ergänzt wird.

Während Krauß, Sprecher des Arbeitskreises Energie beim BUND-Hessen, im Anschluss viele der aktuellen Netzausbau-Maßnahmen kritisierte und sich für eine teilweise Neukonzeptionierung der deutschen Energiepolitik starkmachte, wies Kreusel, ehemaliger Vorsitzender der Energietechnischen Gesellschaft, bei seinen Ausführungen unter anderem darauf hin, dass die Energiewende „deutlich mehr und nicht weniger Technologie“ mit sich bringe.

Die Bürger hatten im Anschluss zahlreiche Fragen und Anmerkungen, etwa zur Entwicklung der Stromkosten oder dem Umgang mit Kohlestrom, und mussten von Moderatorin Luise Scheerer mit Blick auf die fortgeschrittene Uhrzeit schließlich ausgebremst werden. Auch Scheerers Frage zu Auswirkungen auf Gesundheit und Wertentwicklung von Grundstücken in Trassennähe hatte keiner in der Expertenrunde konkret beantworten können.

3 Gedanken zu “Artikel in der Main-Spitze: Bauschheimer Diskussionsabend zum Stromtrassen-Ausbau

  1. Auf die Problematik wurde in der Veranstaltung nach meiner Erinnerung hingewiesen. Es steht die Frage dahinter, ob man die Zusammensetzung der Stromerzeugung über die Leitungen steuern kann. Da in der „entflochtenen“ Energiewelt jeder Kraftwerksbetreiber mit einem genehmigten Standort einen Anspruch auf einen ausreichend leistungsfähigen Stromanschluss hat (diskriminierungsfreier Zugang zum Netz) ist der Gedanke mit der heutigen Rechtssituation nicht vereinbar. Deshalb entscheiden der Preis und evtl. Genehmigungen darüber, ob ein Braunkohlekraftwerk produziert, nicht der Netzanschluss.

  2. Leider konnte ich aus terminlichen Gründen nicht an der Veranstaltung teilnehmen. Was mich sehr verwundert ist die Tatsache, dass offenbar kein Teilnehmer an der Diskussion auf den Umstand hingewiesen hat, dass hier eine Übertragungsleitung vom „Rheinischen Braunkohlerevier“ (Osterrath) also einem der Zentren der deutschen Braunkohleverstromung mit einem Standort eines Kernkraftwerkes (Philippsburg) verbunden werden soll. Hier soll also ganz offensichtlich wegfallender Kernenergiestrom durch Braunkohlestrom ersetzt werden.
    Dass man die Notwendigkeit dieser Trasse dann mit der Energiewende begründet erscheint mir – vorsichtig formuliert – fragwürdig. Hier geht es meiner Meinung nach lediglich darum, eine möglichst lange Laufzeit von Braunkohlekraftwerken zu ermöglichen.
    Auch die Verbindung von Windstandorten im Norden Deutschlands mit Verbrauchszentren im Süden löst letztendlich nicht die Problematik, dass es in der Deutschen Bucht windstill sein kann, bei gleichzeitig geringer Solarstrahlung. Es wird also auf jeden Fall eine Speichertechnologie benötigt. Je früher diese in großem Maße nachgefragt wird, desto früher wird man zu Kostenreduktionen und damit bezahlbaren Speichern kommen, ähnlich wie das bei der Photovoltaik geschehen ist. Der Netzausbau hilft mehr der „alten Energiewirtschaft“ als der Energiewende.

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