Artikel des Rüsselsheimer Echos zum 25. Jubiläum des Vereins ENERGIEWENDE

Auf lokaler Ebene gegen Verschwendung

Energiewende – Bürgerinitiative feiert am Samstag 25-jähriges Bestehen – Praxisorientierte Vorschläge zum Jubiläum

Alternativen aufzeigen: Der Vorstand der Bürgerinitiative Energiewende (von links): Hans Dieter Scherer-Gerbig (Stellvertretender Vorsitzender), Heike Muster (Vorsitzende) und Kassierer Jürgen Eick.  Foto: Ernst Eelmae

Alternativen aufzeigen: Der Vorstand der Bürgerinitiative Energiewende (von links): Hans Dieter Scherer-Gerbig (Stellvertretender Vorsitzender), Heike Muster (Vorsitzende) und Kassierer Jürgen Eick.  Foto: Ernst Eelmae
Während die Ölkrise von 1973 kaum Wirkung im Umgang mit endlichen Energieträgern zeigte, erwies sich die Reaktorkatastrophe von 1986 in Tschernobyl als Treibkraft für ein Umdenken über die Energieversorgung der Zukunft. Vor diesem Hintergrund kann die Gründung 1988 der Bürgerinitiative gesehen werden.

Das Ziel war, die Energiewende selbst zu gestalten. Eine Bürgerinitiative griff in Rüsselsheim dieses Thema 1988 selbst auf. Im Jahr darauf firmierte sie sich als eingetragener Verein „Energiewendekomitee Rüsselsheim & Umgebung“. Seit 1992 heißt sie verkürzt „Energiewende“. Der Titel der ersten BI-Veranstaltung „Verschwendung ohne Ende“ war zugleich programmatisch für die jetzt 25 Jahre andauernde Vereinsarbeit.

Auf „großer und kleiner“ Ebene

Die Bürgerinitiative hatte mehr als nur die Forderung nach Ausstieg aus der Atomkraft zum Ziel, wollte vielmehr Alternativen aufzeigen, wie es besser geht. Also verstärkte Nutzung von Wind und Sonne als regenerative Energieträger und Effizienzsteigerung bei deren Einsatz, womit der Verschwendung entgegengetreten werden sollte. Und dies in erster Linie auf der lokalen Ebene, aber stets begleitet von Informationen zur allgemeinen Entwicklung und den „großen“ Forderungen.

Heike Muster, Vorsitzende des Vereins Energiewende, hat zum Jubiläum auf sieben Seiten aufgelistet, welche praxisorientierte Vorschläge dazu ausgearbeitet und mit wem dabei zusammengearbeitet wurde, welche Bretter dazu gebohrt werden mussten und wie lange es manchmal dauerte, bis sich Erfolge einstellten. Und auch, wo und warum es Rückschläge gab.

Zu letzteren zählte das bereits im Gründungsjahr erstellte Energiekonzept Rüsselsheim-Mitte mit Blockheizkraftwerk und Nahwärmenutzung, das zerbröselte. Gedacht für eine gemeinsame Energiezentrale für Lachebad, Klinikum und Hochschule, setzten es GPR und Studienort jeweils nur für sich um, für den Freibadkomplex wurde es ausgeklammert, was Teil des heutigen Sanierungsproblems ist, betont Muster.

An anderer Stelle zahlte sich Hartnäckigkeit aus: Mit einer SPD-Arbeitsgruppe nämlich wurde im gleichen Jahr der Stromnetzkauf durch die Stadtwerke zur Forderung erhoben. 15 Jahre sollte es dauern, bis dem Überlandwerk die Stromversorgung abgekauft und dabei auch noch die Teilprivatisierung der Stadtwerke abgewendet werden konnte (vorgesehen zur Finanzierung dieses Deals).

Eine Rolle rückwärts der Politik nennt Muster in ihrer Bilanz ein gescheitertes Vorhaben: Im Neubaugebiet Blauer See II war zunächst vorgesehen, dass Erwerber städtischen Baulandes Niedrigenergiebauweise anwenden sollten. Mit dem Argument, dass sich die Grundstücke dann schwer veräußern ließen, wurde dies wieder fallen gelassen.

Dafür konnte mit einer Holzschnitzelheizanlage an der Humboldt-Schule wieder ökologisch sinnvolle und nachhaltige Energieversorgung realisiert werden.

Hierin sieht der Verein Energiewende auch einen zukünftigen Arbeitsschwerpunkt: Energetische Sanierung städtischer Gebäude. Das war unter Vorlage einer Energiebilanz bei der Rathauserweiterung gelungen (1991), wie zuvor bei der Bauschheimer Sporthalle.

Schulen als Lernorte für Energiefragen

In Sachen Fotovoltaik stattete man ein Mehrfamilien-Musterhaus damit aus, erreichte die Bereitstellung öffentlicher Dachflächen für solche Anlagen, womit Bürgerkraftwerke geschaffen werden konnten. Schülerprojekte an Ebert- und Heisenbergschule wurden gefördert als praktische Lernorte in Energiefragen.

All dies begleiteten die Aktiven mit zwei bis drei Informationsveranstaltungen pro Jahr, parallel dazu wurden Bürgern Beratungen geboten, beispielsweise wie und wo im Haushalt oder beim Hausbau Energiefresser vermieden werden können.

Weil intelligente Erzeugung und Nutzung von Energie aufs Engste mit der Klimaschutzfrage verbunden ist, zählt der Sektor Verkehr gleichfalls zum Aufgabenspektrum von Energiewende. Dazu lauten aktuelle Forderungen nach Konzentration öffentlicher Einrichtungen in der City, um Autofahrten zu verringern. Im Zentrum Am Treff fehlten etwa die Busanbindungen.

Tempo 30 für die gesamte Innenstadt hält Heike Muster auch für erforderlich, nicht zuletzt mit Blick auf das geplante Opel-Forum. Dazu sei der Rad- und Fußgängerverkehr zu stärken, auch durch angepasste Ampelschaltungen.

Viele Forderungen und Ideen hat der Verein auf den Ökomessen der Lokalen Agenda 21 präsentiert, darunter das erste Elektro-Auto aus Rüsselsheimer Produktion – freilich nur ein Minimodell. Wobei Muster klar zu erkennen gibt, dass sie diesen Weg der E-Mobile für Augenwischerei und insbesondere ökologisch für kontraproduktiv hält. Muster selbst, wie auch Vorstandskollege Jürgen Eick, demonstrieren lieber, dass vor allem innerstädtisch Rad fahren die von allen geeignetste Mobilitätsalternative ist, unter dem Motto: „Wir reden nicht nur, wir machen das auch“.

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